Manfred Kindler

 

Krankenhäuser müssen smarter und schlanker werden, um in ein leistungsfähiges Gesundheitswesen integriert zu werden. Ganzheitliches Denken im Umfeld der globalen Digitalisierung erfordert neue Strukturen der Gesundheitsversorgung mit einer umfassenden Vernetzung von der Vorsorge bis zur Nachsorge. Die Grenzen zwischen ambulanten, stationären und rehabilitativen Einrichtungen verschwinden.


Gleichzeitig stehen die Akteure unter einem ökonomischen Leistungsdruck, verschärft durch finanziell hochpotente Konkurrenten, medizinischem und pflegerischem Personalmangel, schnelle Innovationszyklen und dem sich rasant verstärkenden demografischen Wandel.


Steht der Mensch in diesem Spannungsfeld überhaupt noch im Mittelpunkt - der Mensch, der Hilfe braucht und der die Hilfe gibt? Ist er nicht eigentlich das störende Glied im durchorganisierten Gesundheitsbetrieb: Der Hilfesuchende, schon mit seiner eigenerstellten Google-Diagnose in der Tasche. Der Helfende, ausgebrannt durch endlose Schichtdienste und einer überbordenden Bürokratie. Der Verwaltungsmanager, überschüttet von ständig neuen Vorschriften der deutschen und europäischen Regelsetzer. Der Klinikleiter, einem unersättlichen Renditehunger von Shareholdern ausgesetzt. Der Krankenhaus- und Medizintechniker, mit wachsenden Anforderungen und intransparenten Technologien konfrontiert. Und die staatlichen Institutionen, die mit isolierten Eingriffen in die dynamisch-komplexen Systeme des Gesundheitswesens noch den Anschein einer kontrollierten Steuerung aufrechterhalten möchten.  


Und der Patient? Hat er nicht längst das halbgottgleiche Gegenüber im weißen Kittel durchschaut und sich schon vorab in Bewertungsportalen über die Erfahrungen anderer Leidensgenossen informiert? Verunsichert möchte er sich einem erfahrenen Experten anvertrauen, der ihn bei der Bewältigung seiner Ängste, seiner Symptome und der eigentlichen Krankheitsursachen fachlich begleitet und Ratschläge erteilt, die der Arzt auch bei sich selbst und seiner Familie umsetzen würde.   
Allzu verlockend sind da die vermeintlichen Segnungen der Digitalisierung, deren mächtige Konzernvertreter nun das lukrative Feld des Gesundheitswesens entdeckt haben: Die elektronische Patientenakte, die den kranken Menschen als digitalen Zwilling in einer Datei abbilden will. Der Pflegeroboter, der als kräftiger Helfer die Herkulesarbeit beim Umbetten der Alten leisten soll. Der Schmuseroboter, der den dementen Patienten das geliebte Haustier ersetzen könnte. Der KI-Doktor, der als besttrainierter Alleswisser versteckte Krankheiten aus Bildern, Laborwerten und Biosignalen herausfinden kann.  


In diesem zugegebenermaßen etwas provokant formulierten Szenario soll nicht verschwiegen werden, dass sich eine wachsende Anzahl von Gesundheitseinrichtungen mit modernen Dienstleistungen auf den anspruchsvollen Kundenstamm eingerichtet hat und täglich trotz der großen Herausforderungen vorbildliche Arbeit leistet.
Bereits vor 20 Jahren hat das beschriebene Spannungsfeld eine Reihe von deutschen Verbänden und Fachgesellschaften im Gesundheitswesen zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit zusammengeführt, um einen fachlichen Austausch über Best Practices zu führen. Der Krankenhaus-Kommunikations-Centrum KKC e.V. fördert seitdem mit vielen Partnern den Dialog „über den Tellerrand hinaus“ und schafft durch Roundtables, Seminare, Messebeteiligungen und Vorträge nachhaltige Brücken zwischen den einzelnen Akteuren.


Dass der DACH-Gesundheitswirtschaftsgipfel (GeWiG DACH) am 6. und 7. Mai 2020 diesen so wichtigen interdisziplinären Austausch ausdehnt auf ein Brainstorming mit unseren deutschsprachigen Nachbarn finden wir äußerst spannend. Wir freuen uns auf viele neue Ideen und werden uns mit all unserem Wissen und unserer Erfahrung sehr gerne mit einbringen.

Ihr Manfred Kindler