Nikolaus Koller

 

Mit der rasanten technologischen Entwicklung und dem enormen Fortschritt in der Medizin konnte die Organisation des Gesundheitswesens in den letzten Jahren nicht Schritt halten. Wir sollten verstärkt Impulse und Anregungen von außen an uns heranlassen und nutzen. Mehr Mut, einfach mal etwas Neues zu wagen, würde uns ebenfalls guttun. Derzeit geht zu viel Geld im System verloren, die Qualitätsausbeute ist zu gering.

Egoismen, Prestigedenken, das Verfolgen von Zielen und das Wahren von Besitzständen einzelner Interessengruppen verhindert im Gesundheitswesen beinahe schon chronisch Fortschritt und das Erreichen der Sachziele des großen Ganzen. Von diesem Silodenken müssen wir uns ebenso verabschieden wie von der landläufigen Trägheit, die hinter der Floskel des „so schlimm wird es schon nicht kommen“ steckt – egal, ob es um die Sicherheit bei der Digitalisierung geht, um die Herausforderungen des demografischen Wandels oder die Erderwärmung. Dass uns der Gesundheitswirtschaftsgipfel DACH am 6. und 7. Mai in Friedrichshafen die Gelegenheit gibt, über uns hinauszuwachsen und die vielen gemeinsamen Aufgaben in einem größeren Kontext gemeinsam zu lösen, schließt meines Erachtens eine echte Lücke in der Veranstaltungslandschaft des Gesundheitswesens. Ich freue mich auf den Austausch mit meinen Kollegen aus Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein und darauf die Sichtweisen und Bedürfnisse anderer Berufs- und Interessengruppen über mögliche Lösungen für ein leistungsstarkes und gleichzeitig humanes Gesundheitswesen kennenzulernen. Gleichzeitig hoffe ich sehr, dass sich auch Krankenhausträger und die Politik an dieser vielversprechenden Werkstatt für eine zukunftstaugliche Gesundheitsversorgung beteiligen, denn sie sind es, die die entscheidenden Vorgaben machen.

Ab 1. Januar 2020 wird es in Österreich durch gezielte Fusionierungen statt bisher 21 nur mehr fünf Krankenkassen geben. Die neun Gebietskrankenkassen beispielsweise werden zur Österreichischen Gesundheitskasse, die Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter (BVA) und die Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau (VAEB) zur Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter, Eisenbahnen und Bergbau (BVAEB), die Sozialversicherungsanstalt der Bauern (SVB) und die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA) zur Sozialversicherung der Selbständigen (SVS). Ich halte dieses Modell für richtig und sinnvoll. Vielleicht kann es auch anderen Gesundheitssystemen als Beispiel dienen. Bis 2021 sollen in Österreich darüber hinaus 75 sogenannte Primärversorgungseinheiten (PVE) durch multi- und interdisziplinäre Teamarbeit von Ärzten, Pflegern, Physiotherapeuten und anderen Sozialberufen in abgestimmten Öffnungszeiten, ganztätig (auch an den Randzeiten) eine leicht zugängliche Anlaufstelle für die Erstversorgung schaffen. Auf diese Weise möchte man die Notaufnahmen der Krankenhäuser von Patienten entlasten, die eigentlich ein Fall für den Hausarzt wären. Wie dieses Modell anläuft, bleibt gespannt abzuwarten. Um pflegebedürftige Patienten, die niemanden haben, der sie zu Hause unterstützt, anders als bisher nicht länger als nötig in der Klinik behandeln zu müssen, wird in Österreich außerdem ein neues Konzept der extramuralen Versorgung erprobt. Das aus diesen Modellen gewonnene Wissen geben wir gerne weiter.

Wir alle stehen im Augenblick vor denselben Schwierigkeiten: der demografische Wandel, der damit einhergehende Mangel an Fachkräften, der anstehende technologische Sprung in eine digitalisierte und dennoch sichere und menschliche Gesundheitsversorgung, die sinnvolle und effiziente Verwendung knapper Finanzmittel und Ressourcen, …. Ich bin überzeugt: Wenn wir zukünftig auch die Folgekosten von Investitionen im Auge haben möchten, macht die duale Finanzierung unserer Gesundheit wenig Sinn. Diesen entscheidenden Systemwandel werde ich aber wohl nicht mehr erleben. Einen Teil unserer Krankenhäuser könnten wir in Ambulanzzentren oder Tageskliniken umwandeln und damit Geld für die dann nicht mehr erforderlichen Nachtdienste sparen. Unter Umständen muss das Thema Gesundheit generell völlig neu gedacht werden. Kinder müssen von klein auf lernen, Verantwortung für das eigene Befinden zu übernehmen. Vielleicht ist auch der beinahe schon religionsähnliche Zugang zum Thema Gesundheit der falsche Weg. All diese Fragen und Aufgaben in einem großen Kontext zu diskutieren und eine Inventur dessen vorzunehmen, was es an wunderbaren Lösungen bereits gibt, ist längst überfällig. Mit uns selbst haben wir uns lange genug beschäftig.

Ihr Nikolaus Koller, Bundeskonferenz der Krankenhaus-Manager Österreichs