Prof. Erika Raab


Korrekturen am Gesundheitssystem sind tricky. Im besten Glauben, das Richtige zu tun, legen Regelschmiede in Berlin, Bern, Wien, Brüssel und anderswo Krankenhausbetreibern so manches nur schwer auszubrütende Ei. Auf dem DACH-Gesundheitswirtschaftsgipfel am 6. und 7. Mai 2020 in Friedrichshafen wollen wir um ein paar Ecken weiter denken und wirklich praktikable, zukunftstaugliche Lösungen für unsere Gesundheitsversorgung finden.


Im komplexen System Gesundheitsversorgung erzeugt die Beseitigung des einen oft postwendend ein neues Problem. Was eigentlich gut gemeint war, geht immer wieder mal als Schuss nach hinten los: Die vom deutschen Gesundheitsminister als Schnellschuss durchgesetzte Pflegepersonaluntergrenze zum Beispiel ist an sich eine gute Sache. Doch sollen wir als Folge dieser Regelung nun Stationen schließen, weil wir die nötigen Fachkräfte nicht finden? Schon jetzt klappern in Deutschland Notärzte mit ihren Patienten oft mehrere Krankenhäuser ab, bis sie endlich eines auftreiben, in dem geholfen werden kann. Sollen wir Gesundheitsversorgung womöglich ähnlich wie die Industrie mit ihren rollenden Lagerhäusern ganz auf die Straße direkt in den Notarztwagen verlagern? Pflegepersonaluntergrenzen zu installieren, ohne gleichzeitig einen Plan zu haben, wo man die nötigen Pflegekräfte hernehmen möchte, löst nur einen Teil des Problems. Noch ein Bespiel: Honorarärzte sind in Deutschland neuerdings sozialversicherungspflichtig – auch das eine tolle Sache! Doch wie sieht das in der Praxis aus?  Gibt es nun Zeitarbeitsfirmen für Ärzte? Wie mit dem Fachkräftemangel umgehen – gerade in Flächenregionen? Nun folgt auch noch die Bertelsmann-Studie zur Schließung von Krankenhäusern und der Sachverständigenrat Gesundheit (SVR) bekräftigt die Forderung nach einer Neuordnung der Krankenhauslandschaft.


Es gäbe sicher noch zahlreiche Belege für etwas, was wir alle längst wissen: Ein bisschen schrauben hier und ein bisschen Lack da machen den Karren nicht wieder flott – im Gegenteil. Wir brauchen einen neuen Karren, will heißen völlig neue Konzepte für unsere Gesundheitsversorgung. Die können wir nur mit neuem Denken aller Passagiere entwickeln. Genau das ist Ziel des neuen DACH-Gesundheitswirtschaftsgipfels am 6. und 7. Mai 2020 im Dreiländereck Deutschland, Österreich, Schweiz. Jede dieser Nationen kann irgendetwas besser als die anderen. Was das ist, wollen wir herausfinden und für uns nutzen. Fraglos macht es Sinn, eine unserer größten Zukunftsaufgaben gemeinsam anzupacken.


Wie kann intersektorale Versorgung - vor allem auch in der Fläche - funktionieren? Wir brauchen Lösungen, die es ermöglichen, ältere und pflegebedürftige Menschen so lange wie möglich zu Hause zu versorgen. Diese Klientel braucht nicht nur Zugang zu medizinischen Leistungen und Pflege, sondern auch Hilfe bei ganz alltäglichen Dingen. Das erfordert praktikable Wege abseits des Krankenhauses. Wie viele Krankenhäuser brauchen wir wirklich? Kliniken, die wir heute schließen, werden in zehn Jahren unter Umständen dringend gebraucht. Wir müssen also lernen, über die nächste Legislaturperiode hinaus zu denken.
Im Augenblick versorgen viele Krankenhäuser pflegebedürftige und ältere Menschen länger als nötig, weil es keine Pflege- und Altenheimplätze gibt, in die man diese guten Gewissens entlassen könnte. Solche Zusatzleistungen müssen abgerechnet werden können oder aber pflegerische Strukturen aufgebaut werden, die frühere Entlassungen tatsächlich ermöglichen. Wie können wir neue Technologien und die Digitalisierung sinnvoll für unsere Zwecke einsetzen? Wie können wir Apps und Telemedizin für die Aufbau neuer Versorgungsstrukturen nutzen? Wie können wir trotz knapper Mittel einen für alle gerechten Zugang zu medizinischer Versorgung schaffen? Ist es überhaupt möglich, allen, alles zukommen zu lassen oder gibt es hier Grenzen des Sinnvollen und Machbaren? Unsere österreichischen Nachbarn haben sich auf diese sehr schwierige Diskussion eingelassen. Wir müssen uns sollten sie nicht für uns allein führen. Was sind wirklich aussagefähige Indikatoren für Qualität in der Gesundheitsversorgung? Wie lassen sich Abrechnungen sinnvoll kontrollieren? In der Schweiz hat sich dafür ein System aus Stichproben bewährt. Doch was soll geschehen, wenn Abweichungen festgestellt werden?

Diese und viele andere Fragen werden wir in Friedrichshaben im großen Kontext beantworten, um Klarheit zu finden, wie es weitergehen soll und kann mit der Versorgung immer mehr und immer älterer Patienten. Ganz alltägliche Probleme wie die Integration ausländischer Mitarbeiter, praktikable Lösungen für flexiblere Arbeitszeiten und Familienmodelle wollen wir dabei nicht außer Acht lassen.


Werden Sie zu Mitmachern eines neuen, menschlich effizienten Gesundheitssystems! Ich freue mich auf einen fruchtbaren Austausch über all diese und noch viel mehr Themen mit Ihnen.


Ihre Prof. Dr. Erika Raab, Geschäftsführerin Kreisklinik Groß-Gerau GmbH